Interview mit Prof. Dr. Söllner

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Der Lehrstuhlinhaber Professor Doktor Albrecht Söllner hat sich für uns Zeit genommen und sich unter anderem mit uns darüber unterhalten, wie wichtig der Kontakt zu den Studierenden ist, wieso sein Lehrstuhl einer der beliebsten für Abschlussarbeiten ist und über seine Zeit in einer „witzigen Funkband“.

Söllner

Prof. Dr. Albrecht Söllner

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Viele der Studierenden haben das Gefühl, dass Sie mit Leib und Seele Professor sind. Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, diesen Beruf zu ergreifen? Und was macht Ihnen am meisten Spaß an diesem Beruf?

Prof. Dr. Söllner: Es war eher ein Zufall! Eigentlich wollte ich nicht Professor werden. Ich sah mich immer als Bankmanager. Ich habe ja auch erst spät angefangen zu studieren und vorher im In- und Ausland als Bankkaufmann gearbeitet. Erst im Laufe des Studiums habe ich Spaß an wissenschaftlichen Fragestellungen bekommen. Am Ende meines Studiums fragte mich einer meiner Professoren, Wulff Plinke, ob ich nicht Lust hätte mich um eine WiMi-Stelle mit Promotionsmöglichkeit bei ihm zu bewerben. Und da das ein interessanter Mann ist, habe ich gesagt „Okay, das könnte ich mir vorstellen“ und bin zur Promotion an der Uni geblieben. Später habe ich an der Humboldt-Universität meine Habilitation verfasst.

Im Studium waren es eigentlich ganz bestimmte Veranstaltungen, an die ich mich erinnern kann und die ein echtes Interesse an wissenschaftlichen Fragestellungen bei mir geweckt haben. Dazu gehörte z.B. ein kleines und sehr intensives Seminar über Dieter Schneider und seine institutionenökonomische Sicht auf Kooperationsverhalten. Da hatte ich den Eindruck, dass es sich lohnt und Spaß macht, sich mit wissenschaftlichen Fragen und Rätseln zu beschäftigen und dass es zur Lösung von echten Problemen nützlich ist. Die Lehre macht mir aber genauso viel Spaß. Vor allem, wenn ich den Eindruck habe, dass kluge Köpfe vor mir sitzen.

Und wie sind Sie an die Viadrina gekommen?

Prof. Dr. Söllner: Der Ruf der Viadrina hat mich ereilt, als ich in Münster war. Münster ist eine wohlhabende Stadt mit eine großen Uni. Man lebt dort sehr angenehm, die Leute sind höflich und entspannt. Die Viadrina war dagegen damals gewissermaßen ein kleines wendiges Schiff, noch mit Gesine Schwan als Präsidentin. Durch die Nähe zu Berlin und die Prozesse der Veränderung in Mittel- und Osteuropa hatte ich damals den Eindruck, dass das Herz hier doppelt so schnell schlägt wie in Münster. Deswegen war die Entscheidung dann relativ klar und einfach für mich. Die Viadrina ist gerade durch den Fall der Mauer und die europäischen Perspektive ein unheimlich interessantes Projekt geworden. Nichts gegen Münster, aber ich habe meine Entscheidung, an die Viadrina zu gehen nie bereut.

Dem letzten Jahresbericht konnten wir entnehmen, dass Sie sich auch außerhalb der Uni stark engagieren. Vor allem was die Kooperation mit anderen Unis betrifft. Welche Intention verfolgen Sie damit und wo liegen Ihre größten Interessen dabei?

Prof. Dr. Söllner: Die europäische Kooperation ist ja ein Auftrag der Viadrina und die internationale Ausrichtung ist dank unseres ausgezeichneten Internationalen Büros eine unserer ganz großen Stärken. Außerdem macht Austausch Spaß und davon dürfen ruhig auch die Professoren etwas profitieren.

Ich will nur zwei Beispiele nennen. Im letzten September war ich in St. Petersburg. Dort wurde mein Lehrbuch in russischer Sprache vorgestellt und ich habe meine Sicht zum WTO Beitritt Russlands auf einer Tagung erläutert. Gerade in Osteuropa ergeben sich neben dem fachlich-inhaltlichen Austausch immer auch Gespräche über Historisches. Das habe ich in Polen in Krynica und auch wieder in St. Petersburg erlebt. Nach meiner Buchvorstellung in St. Petersburg legte sich unvermittelt die Hand eines älteren finnischen Kollegen auf meine Schulter und er fragte mich auf Deutsch: „Wissen Sie, was die Finnen und die Deutschen gemeinsam haben? …. Die Russen…“. Und dann fügte er hinzu: „Aber wir müssen uns alle verstehen… das ist die Aufgabe für die Zukunft“. Dieser Kontakt mit Geschichte, der einem im Osten oft begegnet, ist eben ganz anders als im Westen und unerhört interessant.

Ein zweites Beispiel ist unsere Kooperation mit der Sorbonne in Paris. Die Viadrina ist ja nicht ohne Stolz der strategische Partner der Sorbonne in Deutschland. Claude Ménard hat mich nun eingeladen, im März und April dieses Jahres an der Sorbonne zu unterrichten. Auch hier interessiert mich der Austausch mit den französischen Studentinnen und Studenten und auch den Kolleginnen und Kollegen. Vor allem die Sicht auf die aktuelle Krise in Europa ist natürlich wichtig. Ohne die deutsch-französische Annäherung wäre Europa ja gar nicht denkbar. Aktuell gibt es hier aber auch durchaus unterschiedliche Vorstellungen zum Umgang mit der Krise und es ist wichtig eine gemeinsame Linie zu finden. Ich bin sehr gespannt auf den Austausch.

Was werden Sie in Paris unterrichten?

Prof. Dr. Söllner: Der Kurs, den ich unterrichten werde, heißt „An Institutionalist Perspective on Globalization and Governance”. Claude Ménard ist der ehemalige Präsident der International Society for New Institutional Economics. Er ist also Institutionenökonom und deswegen interessiert er sich dafür, wie ich Globalisierung, internationales Management und Governance interpretiere. Dazu kommen in Paris dann noch zwei Forschungsvorträge in Seminaren.

Der Lehrstuhl Internationales Management bzw. generell M&M zählen unter den Studierenden zu den beliebtesten. Vor allem unter den Bachelorarbeiten gibt es immer einen großen Ansturm. Können Sie sich vorstellen, wieso das so ist?

Prof. Dr. Söllner: Nach der Fakultätsstatistik betreue ich mit meinem Team dreistellige Absolventenzahlen, wenn Kollegen einstellige Absolventenzahlen haben. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist es sicher das Thema. Viele Studentinnen und Studenten interessieren sich für internationale Fragestellungen des Managements. Da liegt es nahe, sich auch in der Abschlussarbeit mit einem solchen Thema zu befassen und IMA oder M&M zu wählen.

Weiterhin glaube ich, dass es sich rumgesprochen hat, dass die Arbeiten bei uns am Lehrstuhl unglaublich intensiv betreut werden. Wir begleiten die Arbeiten und bieten Seminare an, die die Absolventen sehr gut auf die Anforderungen einer wissenschaftlichen Abschlussarbeit vorbereiten. Seitdem wir diese Seminare anbieten, ist den Absolventen klarer, was Sie bringen müssen, um erfolgreich zu sein. Die Ergebnisse haben sich dadurch massiv verbessert und das ist erfreulich für alle Beteiligten. Gleichzeitig sind wir bezüglich der Themen relativ offen, wenn sie einen Bezug zum internationalen Management haben. Oft kommen die Studentinnen und Studenten mit originellen Ideen auf mich zu, auf die ich selbst gar nicht gekommen wäre. Beispielsweise hat ein Student vor kurzem den Gedanken des organisationalen Lernens in internationalen Unternehmen mit der Entwicklung von Computerspielen verbunden („gamification“) und diese Fragestellung in einem geeigneten theoretischen Rahmen sehr anspruchsvoll diskutiert. Das sind dann natürlich wunderbare Erfahrungen bei denen ich selbst noch etwas durch die Arbeit lernen kann.

Wie viele Bachelorarbeiten betreuen Sie pro Semester?

Prof. Dr. Söllner: Ich muss ein bisschen bremsen, einfach, um auch meine wissenschaftlichen Mitarbeiter etwas zu entlasten. Die müssen ja ganz nebenbei auch noch promovieren (lacht). Wir haben in diesem Semester glaube ich 15 Bachelorarbeiten und dann noch eine Gruppe von Masterarbeitskandidaten, die wir gemeinsam betreuen. Dazu kommen die Doktoranden aus den Graduiertenkollegs „Dynamic Capabilities and Relationships“ und „Pfadabhängigkeit organisatorischer Prozesse“.

Was halten Sie von dem neuen System, dass sich die Studierenden bei dem Prüfungsausschuss für die Bachelorarbeiten bewerben müssen?

Prof. Dr. Söllner: Ich finde es gut, denn das System könnte dazu führen, dass die Belastung der Lehrstühle ein bisschen gleichmäßiger wird. Die Studentinnen und Studenten bewerben sich mit ihren Präferenzen und die Lehrstuhlinhaber wählen unter Berücksichtigung der Präferenzen aus. Das System wird sich sicher durchsetzen, denn so kann man eine größere Gleichverteilung bei gleichzeitiger Berücksichtigung der Wünsche der Studentinnen und Studenten am ehesten erreichen.

Sie sind auch wissenschaftlich tätig. Beim Professor denkt man in erster Linie immer an die lehrende Tätigkeit. Wie pflegen Sie denn den Kontakt zu den Studierenden und inwieweit ist es Ihnen wichtig?

Prof. Dr. Söllner: Der Kontakt zu den Studentinnen und Studenten ist für mich zentral. Mir wird immer klarer, dass das, was die Studierenden vor allem voran bringt, ein ausführliches Feedback zu ihren Leistungen ist. In Seminaren sehen meine Mitarbeiter und ich das als einen ganz wesentlichen Bestandteil an. Gerade bin ich mit meinem Team von einem Masterseminar aus Poznan zurückgekehrt und es wurde wieder ganz deutlich, wie wichtig auch den Studentinnen und Studenten der Austausch über ihre Seminarleistungen ist. Die Note allein hilft da überhaupt nicht weiter.

Natürlich ist der intensive Kontakt nicht immer möglich. Wir haben sowohl große als auch kleine Veranstaltungen. Und nur in den kleineren oder projektorientierten Veranstaltungen lernen wir unsere Studenten wirklich gut kennen. Dazu kommen aber auch viele Aktivitäten unserer Studenten außerhalb der Veranstaltungen bei denen ein Kontakt zwischen Professoren und Studierenden stattfindet. Ich denke da z.B. an die Viadrina Consulting Group und an viele andere Initiativen. Insgesamt ist der Kontakt zwischen Dozenten und Studentinnen und Studenten an der Viadrina glaube ich sehr, sehr gut. Das ist ein Merkmal der Viadrina und kommt in den Bewertungen und Ratings der Viadrina auch immer sehr stark zum Ausdruck. Dieses Kapital der Viadrina muss unbedingt erhalten und ausgebaut werden. Ich hoffe, dass die Ausstattung der Viadrina diesen engen Kontakt und die echte Förderung der Studenten auch weiterhin ermöglicht. Die Mitarbeiter hier sind sehr motiviert, aber bei steigenden und zunehmend Studentenzahlen und inzwischen einer auch durchaus heterogeneren Studierendenschaft lässt sich eine hochklassige und intensive Förderung nur bei entsprechender Ausstattung realisieren. Ich hoffe, dass die Politik das auch so sieht.

Die Viadrina wird oft mit Privatuniversitäten verglichen. In dem Zusammenhang würden wir gerne wissen, was Sie als den größten Vorteil der Viadrina sehen. Sie haben ja bereits den engen Kontakt zwischen den Professoren und den Studierenden genannt. Bedeutet dies gleichzeitig einen Vorteil für die Professoren oder haben diese noch andere Vorteile?

Prof. Dr. Söllner: Egal ob Privatuniversität oder staatliche Universität. Ich finde nach wie vor, dass der Beruf des Professors der schönste Beruf überhaupt ist, weil man sich permanent mit frischen Gedanken auseinandersetzen kann und man es mit frischen und optimistischen Leuten zu tun hat, eben mit Studenten. Das macht an sich schon einmal Spaß und das ist im Prinzip an jeder Universität so.

Dem Wettbewerb mit den privaten Universitäten sehe ich auch ohne Scheu entgegen. Wettbewerb ist ja etwas Positives und fördert Kreativität und Engagement. Wenn die Privaten allerdings als eine Reaktion auf das Erschlaffen der öffentlichen Schulen und Hochschulen entstehen, wird es problematisch. Dann werden zentrifugale Kräfte freigesetzt, die im Ergebnis auf eine Spaltung der Gesellschaft hinaus laufen. Genau diese Prozesse sind gegenwärtig leider zu beobachten. Wenn sich der Staat aus seinen Kernverantwortungen zurückzieht, kann man nur Staatsversagen diagnostizieren. Dass diese Tendenz bei uns an der Viadrina noch weniger zu spüren ist als an anderen Orten, hängt vor allem mit dem Engagement der Leute vor Ort zusammen aber auch mit unseren Studenten, die die Viadrina als ein gemeinsames Projekt verstehen.

Im Tagesspiegel wurde ein Artikel veröffentlicht, in dem es um den Studiengang BWL geht. In diesem steht, dass die Viadrina neben der TU München und der Uni Mannheim bundesweit führend ist. Wo sehen Sie denn die Viadrina in 10 Jahren?

Prof. Dr. Söllner: Ich hoffe natürlich, dass sie immer noch führend ist. Dazu muss die Viadrina ihr Profil weiter konsequent schärfen. Ich glaube, eine Stärke ist eben gerade unser interdisziplinäres Herangehen an viele Fragestellungen, die im Zentrum der aktuellen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Debatte stehen. Das wird sichtbar in Studiengängen wie dem „Master of European Studies“. Das ist ein sehr interessantes Programm, in dem die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät durchaus noch stärker sichtbar werden könnte. Vor allem für die VWL sehe ich hier eine echte Chance und Herausforderung.

Die BWL steht an der Viadrina ohnehin sehr gut da. Wir sind ein relativ junges und sehr gutes Team. Im M&M-Bereich sind wir trotz sehr knapper Ressourcen in zwei universitätsübergreifenden Graduiertenkollegs engagiert und auch international und in der Forschung sehr gut vernetzt. Ich glaube, dass wir es bisher geschafft haben, sehr gute und interessante Themen aufzunehmen und die Themen sehr interessant in Forschung und Lehre umzusetzen. Davon profitieren nicht nur der wissenschaftliche Nachwuchs, sondern vor allem auch unsere Studentinnen und Studenten.

Jetzt einmal etwas Privates. Was sind Ihre liebsten Freizeitbeschäftigungen? Und wie es sich anhört, würde Sie keinen anderen Weg einschlagen und Professor bleiben, oder?!

Prof. Dr. Söllner: Professor bleibe ich auf jeden Fall! Im Vergleich zu vielen Alternativen ist der Beruf nach wie vor sehr attraktiv und sinnstiftend. Meine Hobbys kommen daneben natürlich etwas zu kurz. Ich lese gern und gehe zum Ausgleich gern rudern. Früher habe ich noch in einer ganz witzigen Funkband Posaune gespielt mit vielen Auftritten auf Hinterhoffesten. Die Posaune ist aber leider komplett eingerostet. Mein neues Haupthobby neben dem Beruf ist meine Familie mit meinen beiden Kindern, Frederike und Tilman. Sie sind 7 und 10 Jahre alt und halten uns gut auf Trab.

Wenn Sie gerne rudern, haben Sie dann auch schon einmal an den regelmäßig stattfindenden Ruderwettrennen zwischen den Fakultäten teilgenommen?

Prof. Dr. Söllner: Ich habe einmal mitgemacht und mit dem Vierer der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät tatsächlich auch gleich den ersten Titel dieser – inzwischen kann man ja schon sagen – Traditionsregatta gewonnen. Jetzt dürfen die Professoren ja leider nicht mehr mitrudern. Wahrscheinlich, weil die anderen Fakultäten Angst vor mir haben (lacht).

Welche Empfehlung würden Sie den Studierenden geben, sich bereits während des Studiums auf das Berufsleben vorzubereiten? Es gibt da ja diverse Möglichkeiten, z.B. als Werkstudent oder Praktikant.

Prof. Dr. Söllner: Im Studium sollte man zunächst einmal seinen Neigungen folgen. Wenn man Spaß und Interesse an einer Sache hat, wird man auch Erfolg haben.

Ein Blick in die Praxis ist dabei natürlich immer vorteilhaft. Leider gibt es ja immer weniger Studenten, die vor ihrem Studium eine Ausbildung absolvieren oder Praxiserfahrung haben. Die Studenten sind dadurch sehr jung und es fehlt ihnen vielleicht etwas Lebenserfahrung. Sie gleichen das aber durch verschiedene Praktika und auch durch Auslandssemester rasch aus. Gerade die internationale Mobilität hat es ja in dieser Form früher nicht gegeben und die Viadrina ist hier ganz sicher führend. Wenn ich unsere Studenten aus dem Ausland zurückkommen sehe, merke ich, wie sie wieder einen Schritt nach vorn gemacht haben. Auslandssemester und Praxiskontakte durch Praktika, das hat mittlerweile eigentlich fast jeder Student und jede Studentin von uns vorzuweisen. Wer dann noch ernsthaft studiert hat, hat glaube ich sehr gute Karten. Die ganz überwiegende Zahl unserer Studentinnen und Studenten sieht das meiner Erfahrung nach auch so. Unsere Studenten engagieren sich innerhalb der Uni und auch außerhalb der Uni. Sie werden zu attraktiven Absolventen und werden ihren Weg machen. Es gibt keinen Grund, sich verrückt machen zu lassen.

Herr Professor Söllner, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Mariella Kleinheisterkamp, Jennifer Grimm und Caroline Knapczyk

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