Prof. Dr. Stadtmann im Interview

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In unserer Interviewrubrik werden wir ab sofort Interviews mit Professoren und Mitarbeitern der Universität führen. Zur Eröffnung gab uns Prof. Dr. Stadtmann die Ehre, seines Zeichens Lehrstuhlinhaber für VWL insbesondere Makroökonomie. Er spricht im Interview unter anderem über seine akademische Laufbahn und Schlüsselerlebnisse, welche ihn am Ende an die Viadrina gebracht haben.

Steckbrief

Stadtmann Profil
Name: Prof. Dr. habil. Georg Stadtmann
Alter: 41 (26. April 1970)
Geburtsort: Essen
Familienstand: verheiratet, Familie mit drei Kindern

weiterführende Links: Lehrstuhlseite MakroLebenslaufPublikationen

Wie verlief denn für Sie der Viarunning 2011?

Prof. Dr. Stadtmann: Viarunning war ein voller Erfolg. Wir haben mehr als 100 Leute auf die Bahn bekommen und ich war vor allem überrascht, dass einige Studenten so wahnsinnig schnell sind. Die Erstplatzierten sind vierzehn Minuten auf vier Kilometern gelaufen, was ich nie hinbekommen hätte. Zu meinen besten Zeiten habe ich 16, 17 Minuten geschafft, doch wie man da noch ein bis zwei Minuten rausholen kann, ist mir komplett schleierhaft.

Sie haben allen Läufern, welche vor Ihnen das Ziel erreichten, ein Bier versprochen. War es am Ende ein finanzielles Desaster?

Prof. Dr. Stadtmann: Also ich habe vier Kisten gekauft, musste aber nur zwei davon rausgeben. Somit war es kein finanzielles Desaster und wir werden in diesem Monat wohl noch über die Runden kommen. Am Ende waren 40 von 100 vor mir im Ziel, das ist okay.

Das ist sicherlich okay, vor allem wenn man den Altersunterschied betrachtet.

Prof. Dr. Stadtmann: Hoppla, ganz schön gewagt! Studenten haben ja nichts zu tun und somit viel Zeit, die sie ins tägliche Training investieren können…

An solchen Events sieht man, dass Sie ein deutliches Interesse haben etwas mit Ihren Studenten zu erleben. Wie wichtig ist Ihnen denn eine Beziehung zur Studierendenschaft ihrer Universität?

Prof. Dr. Stadtmann: Es mir schon wichtig, die Leute kennen zu lernen und mit ihnen privat zu sprechen, um heraus zu finden, was sie neben dem Uni-Alltag machen. Eigentlich denkt man ja immer, dass für den Studenten das Lernen und Vorankommen das Wichtigste sein sollte. Doch dann trifft man auch Leute, die komplett etwas Anderes machen. In meiner Laufbahn habe ich Jemanden kennengelernt, welcher neben dem Studium noch den Ironman auf Hawaii absolviert hat. Wenn ich die Chance dazu gehabt hätte, dann würde ich diese auf jeden Fall wahrnehmen.
Andere gehen viel Arbeiten oder haben eine Familie mit drei Kindern zu Hause, die man noch ernähren muss. Das findet man einfach aus den Gesprächen heraus und erfährt, dass in den meisten Leuten weitaus mehr steckt, als nur der Student. Dann wird man zwar nicht die nächste Klausur leichter gestalten, doch versteht besser, was die Studierenden so umtreibt.

Sie haben 13 Jahre lang eine Ausbildung zum Akademiker genossen, an sieben verschiedenen Universitäten studiert und sind dann nach Frankfurt/Oder gekommen. Warum haben Sie sich gerade für die Viadrina entschieden?

Prof. Dr. Stadtmann: Das war mein erster Ruf in Deutschland und den ersten Ruf lehnt man in der Regel nicht ab. Also war es weniger eine Entscheidung für Frankfurt/Oder, sondern für meinen ersten Ruf. Außerdem ist Frankfurt/Oder ja eine gute Universität, hat gute Leute im Professoren-Team und was sie wirklich nicht unterschätzen sollten, ist der Fakt, dass wir eine internationale Hochschule sind. Im Gegensatz zu anderen Unis, die ich kennen gelernt habe, sind wir tausendmal internationaler. Ferner sind die Leute hier viel motivierter, denn sie wissen, dass Frankfurt/Oder nicht ihr Lebensmittelpunkt bleiben kann und orientieren sich dann in andere Richtungen. Des Weiteren sind sehr viele gute Professoren in unserem Fachbereich tätig. Zum Beispiel ist Prof. Dr. Eisend ein Kracher, dann ist das Lebenswerk von Prof. Dr. Bolle sehr beeindruckend. Er ist 65 Jahre alt, könnte in Rente gehen und verlängert um zwei Jahre, um weiterhin Forschung zu betreiben. Ich weiß nicht wo er die Motivation hernimmt, denn das mache ich mit 65 definitiv nicht, das weiß ich.

Motivation ist ein gutes Stichwort. Welches Vorbild hatten Sie, oder gab es ein bestimmtes Ereignis, welches Sie dazu motiviert ihr Studium durchzuziehen?

Prof. Dr. Stadtmann: Ich würde schon sagen, dass es ein Schlüsselergebnis gab. In der Schule habe ich nicht zu den besten Schülern gehört und nach dem Abitur eine Ausbildung zum Bankkaufmann begonnen. Dort wurde mir versichert, dass wenn man gute Ergebnisse abliefert, auch eine bessere Bezahlung bekommt. Dann habe ich zusammen mit einigen Kollegen angefangen zu lernen. Wir haben Bestrafungssysteme eingeführt und für falsche Antworten gab es Schläge mit dem Lineal. Das hat sich am Ende ausgezahlt und wir haben eine gute Prüfung hingelegt. Doch nach der Ausbildung haben wir uns die Frage gestellt, ob wir echt unser Leben lang am Schalter stehen wollen und Kontoeröffnungsanträge ausfüllen oder Geld auszahlen wollten. Das war nicht der Fall, und wir haben uns dazu entschlossen, uns an der Uni einzuschreiben. Dort habe ich zumindest mein Lernverhalten beibehalten können. Als wir zusammen zur Uni gezogen sind, habe ich gebrannt und war sehr motiviert für das Studium.

StadtmannProf. Dr. Stadtmann und die Vorschulklasse der Kita „Die Oderknirpse“ (Quelle: europa-uni.de)

Also war ihr Abschluss der Ausbildung das Ereignis, was Sie dazu veranlasst hat zur Universität zu gehen?

Prof. Dr. Stadtmann: Direkt nach dem Abitur wäre ich nicht an die Uni gegangen, das hätte ich wohl auch nicht geschafft. Während der Ausbildung habe ich gelernt, dass in alten Klausuren der Stoff drin steht, der abgeprüft wird und habe mir vieles angeeignet. Das ist ja ähnlich wie hier bei Ihnen auch. Ich will ja nichts Großartiges wissen von Ihnen. Sondern Sie müssen den Stoff lernen und dieser wird dann in der Abschlussklausur abgeprüft, sodass kaum Überraschungen auftreten.

Sehen Sie sich selbst als eine Art Vorbild oder Motivator, wenn Sie als Professor hier lehren?

Prof. Dr. Stadtmann: Nein eigentlich nicht. Ein Motivator glaube ich nicht zu sein. Ich versuche eher ein Bezug zur Realität zu schaffen, wie in der aktuellen Makrovorlesung am Beispiel von Griechenland. Das ist für die meisten Studierenden natürlich interessanter als reine Methodik. Mit diesen aktuellen Themen hoffe ich auch Leute für die Cramer‘sche Regel begeistern zu können, wenn sie dann sehen, dass man damit auch etwas anfangen kann.

Was mich stört ist, dass viele Leute zu spät kommen. Unsere Studenten schreiben dann in der Evaluation, dass ich oft genervt wäre und sie schlecht behandeln würde. Und natürlich behandle ich sie schlecht, weil die Hälfte der Studenten immer zu spät kommt, und ich keine Lust darauf habe, fünfmal die Einführung zu machen. Das Zuspätkommen geht einfach nicht, auch wenn sicher mal die Bahn ausfällt oder ein Dozent Trivial Pursuit auf Spanisch spielt und für jede richtige Antwort einen Tequila Shot ausgibt. Das Quatschen während der Veranstaltungen hält sich im Rahmen, da habe ich schon ganz andere Sachen erlebt. In Frankfurt/Main zum Beispiel, gingen die Studenten über Tische und Bänke, das war absoluter Wahnsinn.

Warum haben Sie sich nach ihrem Studium bewusst für die Lehre bzw. Wissenschaft entscheiden und nicht für die Wirtschaft?

Prof. Dr. Stadtmann: Ich habe mich nicht für die Lehre entschieden, sondern tendenziell eher für die Forschung, nur die Lehre muss man halt auch machen. Nach dem Studium hatte ich das Gefühl, nicht fertig zu sein. Ich hatte die Theorie gelernt und wusste nichts Genaues damit anzufangen. Eigentlich wusste ich gar nichts, weil ich nicht Ökonometrie belegt hatte. Doch das brauchte ich schließlich, um meine theoretischen Modelle empirisch testen zu können, was ich aber erst am Ende meines Studiums bemerkt hatte. Dann habe ich Ökonometrie an der Fernuni nachgeholt, mir die Unterlagen zuschicken lassen und eigenständig in der Bibliothek Ökonometrie gelernt. Doch dann will man das natürlich auch noch anwenden, und ich habe daraufhin meine Doktorarbeit begonnen. Der größte Fehler bestand jedoch darin, im Studium Ökonometrie nicht belegt zu haben.

Inwieweit hat denn der finanzielle Aspekt eine Rolle gespielt? Mit Ihrem guten Abschluss hätten Sie in der freien Wirtschaft sicherlich deutlich mehr verdient als an der Universität.

Prof. Dr. Stadtmann: Also Geld war nicht der ausschlaggebende Punkt. Nach dem Abschluss der akademischen Ausbildung, muss man schauen, wo Stellen frei sind und wechselt dann oft die Universität. Zum Beispiel stellte die Uni Düsseldorf mich nicht für ein ganzes Semester ein, sondern bis zum 8. Februar – denn danach ist vorlesungsfreie Zeit! An anderen Orten habe ich auch nur eine halbe Stelle bekommen. Doch wo bekommt man die anderen 50 % des Einkommens her? Das Geld hat nicht ausgereicht und die Unsicherheit der kurzen Verträge verschärft das Problem.
In Magdeburg hatte ich eine Stelle als Vertretungsprofessur inne, die Kontoauszüge aus dieser Zeit besitze ich noch immer. Ich war nicht verheiratet, hatte aber drei Kinder und die Frau war zu Hause. Ich ging mit 2.000 Euro netto nach Hause, doch diese 2.000 Euro netto hätte ich auch bekommen, wenn ich Hartz IV vom Staat beantragt hätte, mit meinen drei Kindern und einer Frau. Dann hatte ich noch zwei Fahrten pro Monat nach Magdeburg und zurück, welche ich selber zahlen musste und war unter der Woche nicht zu Hause. Da fragte mich meine Frau schon, warum ich mir das antue, wenn sowieso nichts dabei rumkommt, und ich auch noch meine Kinder nicht zu Gesicht bekomme. Ich habe den Kontoauszug noch genau vor Augen: „ALDI Süd sagt danke“, mit drei Kindern und 2.000 Euro kannst du eben nur bei Aldi einkaufen gehen, auch wenn ich mir gerne einmal bessere Sachen gegönnt hätte. Dazu kam die Ungewissheit, eine neue Stelle zu bekommen oder letztendlich doch von Hartz IV leben zu müssen. In dieser Zeit bin ich viel rumgereist und habe viele Universitäten besucht, denn mit so einer Qualifizierung kann man ja nur Professor werden, ein Anderer nimmt einen ja nicht mehr.

Der FSR WiWi stellt ihnen 1.000 Euro zur Verfügung und Sie dürfen eine einzige Aktie kaufen, welche wäre das?

Prof. Dr. Stadtmann: Ich würde einen Deka Fond kaufen. Oder ich würde short gehen in Apple, Google und Facebook. Meiner Meinung nach sind diese Internetunternehmen völlig überbewertet.

Haben Sie am Ende noch ein paar Ratschläge für die Studierendenschaft?

Prof. Dr. Stadtmann: Wer eine akademische Karriere machen will, der sollte auf jeden Fall Ökonometrie belegen. Das gilt auch für alle, die einen Master machen wollen. Wer kein Master machen möchte, der sollte einmal schauen, was Frau Professor Jacobsen macht. Den Lehrstuhl Entrepreneurship finde ich sehr interessant. Da gibt es ja ganz einfache Modelle, die sehr erfolgreich werden können. KaufDa zum Beispiel ist ein Startup gewesen, welcher von vielen Unternehmen die Prospekte auf einer simplen Webseite zusammengefasst hat. Am Ende hat der Unternehmer Anteile für knapp 30 Millionen Euro verkauft. Als ich in den USA studiert habe, wusste ich nicht genau was das Fach Entrepreneurship bedeutet. Ich bin in den Kurs gegangen und habe den Professor gefragt, ob er mir den Inhalt des Faches erklären könne. „Wie gehe ich vor, wenn ich ein eigenes Unternehmen gründen will und anstatt 50 Millionen Werbebudget nur 50 Dollar zur Verfügung habe?“, lautete seine Erklärung. Das fand ich damals weniger interessant und habe den Raum verlassen. Das war 1995, ich hatte eine eigene Webseite und konnte diese auch in HTML programmieren, doch habe ich bis heute kein eigenes Unternehmen gegründet. Als einer der ersten Nutzer des Internets (1992 mit Telnet Verbindungen, d.h. ohne Webbrowser) ist mir damit wohl eine große Chance entgangen. Hätte ich doch nur diesen Kurs besucht, dann würde ich heute vielleicht nicht hier sein.

Herr Prof. Dr. Stadtmann, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt von Lukas Schäfer und Marco Behrens.

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